Kernpunkte eines Interviews von Michael Kerbler mit Peter Handke.
(danke an Eva Strehmeier für die Unterstützung)
(Kerbler)
Handke lotet mit seinen bisher fast 80 Werken die Möglichkeiten der menschlichen Existenz aus
(Handke)
Ich denk nicht, dass man sich grundsätzlich verändern kann, nur die Dinge bringen einen mehr zu Bewusstsein, verlangsamen einen und lassen einen auch anschaulicher werden
Es gibt eine gefährliche Heimat und eine liebe Heimat
Es gibt heutzutage ein zunehmendes Fremdsein
Die Heimstadt ist eigentlich das Unterwegssein (Zitat Philip Kobal aus der "Wiederholung")
Die Reise muss Abenteuer sein und nicht irgendwie was im voraus Geplantes. Sowie man dann unterwegs ist, dann kann man werden und auf eine schönere, aufmerksamere Weise, wie das ja jeder sagen kann, als wenn man dauernd zu Hause wär.
Dann hört man gern zu, wenn die Logik nicht da ist, in der Heimat.
Die geschriebene, gedichtete Sprache erhält die Sprache. Die journalistische Sprache erhält die eigene Sprache nicht. Die Dichter erhalten die Mutter- oder die Ahnensprache. Und da gibt's unter den jungen Slowenen auch kaum mehr welche.
(Über den Geruch am Ausguss aus dem Trakt seines Großvaters)
Es war ein Geruch wie aus der Stinkhölle, ohne, alles vermischt.
Die Grenze von Slowenien nach Triest war nicht uninteressant für Dichter.
Innerhalb von Frankreich gibt es so viele Grenzen, wie es sie noch nie gegeben hat. Das sind einfach emotionale Grenzen, alles was früher sozusagen in einem noch größeren Land war, Neugierde auf den Anderen, auf den nebenan, auch Erotik, das ist alles verschwunden. Ich seh in Europa einen Chauvinismus, wie es ihn noch nie gegeben hat.
Chauvinismus ist für mich ein böser, dummer Nationalismus.
Ich weiß nicht, ob diese Periode, die ist vielleicht auch nur eine Zwischenperiode, in der wir leben, aber ob die eine glückliche ist. Es ist kein Aufbruch da. Eine Periode, in der keine Aufbruchstimmung vorhanden ist, eine gemeinsame- oder eine Fragestimmung, eine liebende Fragestimmung, ist für mich kein Epoche.
(Über die Langsamkeit und Bedachtsamkeit als Schreib- und Lebensprinzip)
Ich mach gern Umwege, weil es mein ganzer Ehrgeiz ist als Mensch, Zeit zu haben. So wie ich keine Zeit habe, fühle ich mich unwürdig, ein Mensch zu sein. Mein ganzes Streben und Arbeiten geht dahin, Zeit zu haben.
Das was man kann, das will man nicht mehr, das entspricht dann nicht mehr, da fühlt man nichts mehr. Und wo man was fühlt, ist dann manchmal, wo man glaubt, es nicht zu können.
(Über das Schreiben)
Ich lass mich von einem Bild leiten, das ich tief empfunden habe, weniger von einem Stoff. Und wenn ich das Bild tief empfunden habe, kommt ein Rhythmus, dem ich folge. Es ist ein Rhythmus, der der deutschen Sprache entspricht, glaube ich. Eine träumerische Sprache und doch eine bildhafte Sprache. Mich verjüngt es, das Abweichen und Ausweichen vor dem Ziel.
Das Schreiben muss scharf sein und zugleich zittern. Das ist sehr sehr wichtig, das Zittern der Existenz des Menschen in der Literatur. Das ist Literatur. Alles andere ist einfach für mich nichts wert.
(Über seine Bücher)
Meine Bücher erzeugen Geduld. Und es gibt nichts schöneres, als etwas, das Geduld erzeugt. Ich bin für nichts dankbarer als für das, was die Geduld erzeugt und darüber hinaus die Ruhe. Aus diesen beiden Dingen entsteht überhaupt jede Erkenntnis, jeder Blick. Und auch die weitesten Gefühle entstehen da.
Ich bin wahrscheinlich ein ewiger Existentialist im Schreiben, ein Nachfolger von Camus, oder weiß der Teufel - weiß Gott von wem.
(Kerbler: "aber eher Camus als Sartre...")
Selbstverständlich. Ich bin ein Schriftsteller, also ich hab keine Ideologie, ich hab nur Probleme.
Wenn ich ein Stück schreibe, habe ich ein Problem und dann versuche ich mich spielerisch damit auf den Weg zu machen. Im Grunde ist es wie ein Kartenspiel, das man sich selber zuteilt. Man weiß aber nicht, wie die Karten miteinander umgehen werden und man versucht das Kartenspiel anders, als ein richtiges Kartenspiel, mit Atem, mit Leben, mit Raum und doch mit Genauigkeit und Klarheit zu beleben. So schreib ich meine Stücke. Vielleicht ergibt das dann doch eine Art von Dauer. Die Stücke sind nicht geschrieben, um gelesen zu werden.
Natürlich sind sie auch zum Lesen geschrieben, aber ich denke immer ans Sprechen dann. Aber ich selbst bin nie so stumm oder still, wie wenn ich schreibe, kein Laut kommt aus mir.
(Über Humor und Ironie)
Ich hasse Ironie. Humor ist einfach Verdienst. Verdienst - wenn man durch etwas Schweres durch ist, kommt von selber der Humor. Göthe hat nicht umsonst gesagt, Leute die nur auf Humor aus sind, bei denen ist das ein Zeichen der abnehmenden Kunst. Humor kann man nicht - Humor ergibt sich. "Humor ist der Lohn der Angst", würde Kafka sagen. Aber extra auf Humor aus sein ist entsetzlich.
(wie man schreiben sollte)
Es ist ein tiefer Traum, ein Problem auch. Dieser Hochmut, das Hochgemutete des Schriftstellers, was er tief erlebt hat, geht nicht nur ihn etwas an. Es hat etwas dringliches und universelles.
Wenn die Erzählung mir gelingt, dann willkommen, sagen wir halt Tod oder was auch immer, Schattenreich, ist ja das selbe. Ich bin, wenn ich spüre, dass die Erzählung was von der Welt im Tragischen, im Komischen, im Heiteren, nicht im Ironischen, da bin ich eher nicht dafür, zum Klingen bringt, dann ist das ein herrlicher Beruf, das Schreiben.
Wie Göthe es schon gesagt hat: Der Schreiberberuf heißt, den edlen Menschen vorzufühlen, Schreiben ist wünschenswertester Beruf.
Ich war für Momente immer von spontanen Äußerungen von Schriftstellern beeindruckt (z.B . Emile Zola mit Dreyfus), das kann ich wohl sagen, aber jetzt schon lange nicht mehr.
Helfen sie sich selber, dann hilft ihnen Gott.
Es gibt Menschen, die rein pur Teufel sind, heutzutage. Und (solche Figuren zu erfinden) das kann ich nicht. Also vielleicht irgendwann mal. Da müsst' ich mich antrinken oder vielleicht könnt' ich das mündlich, also da müsst' ich mündlich ein Stück oder ein Prosastück improvisieren.
(über die Wirkung seiner Bücher)
Das Gegenüber ist zögernd geworden. Zögern ist eine Wirkung.
Wenn man nichts mehr gern hat, das ist entsetzlich. Zugeneigt sein, offen sein und teilnehmen.
Teilnehmen und teilhaben und dann wieder, wie Camus sagt, wo ist das Gleichgewicht zwischen "solitaire" (einsam) und "solidaire" (gemeinsam). Das ganze Geheimnis im Leben ist der Abstand, der Abstand und der Rhythmus, was man aus dem Abstand macht.
(danke an Eva Strehmeier für die Unterstützung)
(Kerbler)
Handke lotet mit seinen bisher fast 80 Werken die Möglichkeiten der menschlichen Existenz aus
(Handke)
Ich denk nicht, dass man sich grundsätzlich verändern kann, nur die Dinge bringen einen mehr zu Bewusstsein, verlangsamen einen und lassen einen auch anschaulicher werden
Es gibt eine gefährliche Heimat und eine liebe Heimat
Es gibt heutzutage ein zunehmendes Fremdsein
Die Heimstadt ist eigentlich das Unterwegssein (Zitat Philip Kobal aus der "Wiederholung")
Die Reise muss Abenteuer sein und nicht irgendwie was im voraus Geplantes. Sowie man dann unterwegs ist, dann kann man werden und auf eine schönere, aufmerksamere Weise, wie das ja jeder sagen kann, als wenn man dauernd zu Hause wär.
Dann hört man gern zu, wenn die Logik nicht da ist, in der Heimat.
Die geschriebene, gedichtete Sprache erhält die Sprache. Die journalistische Sprache erhält die eigene Sprache nicht. Die Dichter erhalten die Mutter- oder die Ahnensprache. Und da gibt's unter den jungen Slowenen auch kaum mehr welche.
(Über den Geruch am Ausguss aus dem Trakt seines Großvaters)
Es war ein Geruch wie aus der Stinkhölle, ohne, alles vermischt.
Die Grenze von Slowenien nach Triest war nicht uninteressant für Dichter.
Innerhalb von Frankreich gibt es so viele Grenzen, wie es sie noch nie gegeben hat. Das sind einfach emotionale Grenzen, alles was früher sozusagen in einem noch größeren Land war, Neugierde auf den Anderen, auf den nebenan, auch Erotik, das ist alles verschwunden. Ich seh in Europa einen Chauvinismus, wie es ihn noch nie gegeben hat.
Chauvinismus ist für mich ein böser, dummer Nationalismus.
Ich weiß nicht, ob diese Periode, die ist vielleicht auch nur eine Zwischenperiode, in der wir leben, aber ob die eine glückliche ist. Es ist kein Aufbruch da. Eine Periode, in der keine Aufbruchstimmung vorhanden ist, eine gemeinsame- oder eine Fragestimmung, eine liebende Fragestimmung, ist für mich kein Epoche.
(Über die Langsamkeit und Bedachtsamkeit als Schreib- und Lebensprinzip)
Ich mach gern Umwege, weil es mein ganzer Ehrgeiz ist als Mensch, Zeit zu haben. So wie ich keine Zeit habe, fühle ich mich unwürdig, ein Mensch zu sein. Mein ganzes Streben und Arbeiten geht dahin, Zeit zu haben.
Das was man kann, das will man nicht mehr, das entspricht dann nicht mehr, da fühlt man nichts mehr. Und wo man was fühlt, ist dann manchmal, wo man glaubt, es nicht zu können.
(Über das Schreiben)
Ich lass mich von einem Bild leiten, das ich tief empfunden habe, weniger von einem Stoff. Und wenn ich das Bild tief empfunden habe, kommt ein Rhythmus, dem ich folge. Es ist ein Rhythmus, der der deutschen Sprache entspricht, glaube ich. Eine träumerische Sprache und doch eine bildhafte Sprache. Mich verjüngt es, das Abweichen und Ausweichen vor dem Ziel.
Das Schreiben muss scharf sein und zugleich zittern. Das ist sehr sehr wichtig, das Zittern der Existenz des Menschen in der Literatur. Das ist Literatur. Alles andere ist einfach für mich nichts wert.
(Über seine Bücher)
Meine Bücher erzeugen Geduld. Und es gibt nichts schöneres, als etwas, das Geduld erzeugt. Ich bin für nichts dankbarer als für das, was die Geduld erzeugt und darüber hinaus die Ruhe. Aus diesen beiden Dingen entsteht überhaupt jede Erkenntnis, jeder Blick. Und auch die weitesten Gefühle entstehen da.
Ich bin wahrscheinlich ein ewiger Existentialist im Schreiben, ein Nachfolger von Camus, oder weiß der Teufel - weiß Gott von wem.
(Kerbler: "aber eher Camus als Sartre...")
Selbstverständlich. Ich bin ein Schriftsteller, also ich hab keine Ideologie, ich hab nur Probleme.
Wenn ich ein Stück schreibe, habe ich ein Problem und dann versuche ich mich spielerisch damit auf den Weg zu machen. Im Grunde ist es wie ein Kartenspiel, das man sich selber zuteilt. Man weiß aber nicht, wie die Karten miteinander umgehen werden und man versucht das Kartenspiel anders, als ein richtiges Kartenspiel, mit Atem, mit Leben, mit Raum und doch mit Genauigkeit und Klarheit zu beleben. So schreib ich meine Stücke. Vielleicht ergibt das dann doch eine Art von Dauer. Die Stücke sind nicht geschrieben, um gelesen zu werden.
Natürlich sind sie auch zum Lesen geschrieben, aber ich denke immer ans Sprechen dann. Aber ich selbst bin nie so stumm oder still, wie wenn ich schreibe, kein Laut kommt aus mir.
(Über Humor und Ironie)
Ich hasse Ironie. Humor ist einfach Verdienst. Verdienst - wenn man durch etwas Schweres durch ist, kommt von selber der Humor. Göthe hat nicht umsonst gesagt, Leute die nur auf Humor aus sind, bei denen ist das ein Zeichen der abnehmenden Kunst. Humor kann man nicht - Humor ergibt sich. "Humor ist der Lohn der Angst", würde Kafka sagen. Aber extra auf Humor aus sein ist entsetzlich.
(wie man schreiben sollte)
Es ist ein tiefer Traum, ein Problem auch. Dieser Hochmut, das Hochgemutete des Schriftstellers, was er tief erlebt hat, geht nicht nur ihn etwas an. Es hat etwas dringliches und universelles.
Wenn die Erzählung mir gelingt, dann willkommen, sagen wir halt Tod oder was auch immer, Schattenreich, ist ja das selbe. Ich bin, wenn ich spüre, dass die Erzählung was von der Welt im Tragischen, im Komischen, im Heiteren, nicht im Ironischen, da bin ich eher nicht dafür, zum Klingen bringt, dann ist das ein herrlicher Beruf, das Schreiben.
Wie Göthe es schon gesagt hat: Der Schreiberberuf heißt, den edlen Menschen vorzufühlen, Schreiben ist wünschenswertester Beruf.
Ich war für Momente immer von spontanen Äußerungen von Schriftstellern beeindruckt (z.B . Emile Zola mit Dreyfus), das kann ich wohl sagen, aber jetzt schon lange nicht mehr.
Helfen sie sich selber, dann hilft ihnen Gott.
Es gibt Menschen, die rein pur Teufel sind, heutzutage. Und (solche Figuren zu erfinden) das kann ich nicht. Also vielleicht irgendwann mal. Da müsst' ich mich antrinken oder vielleicht könnt' ich das mündlich, also da müsst' ich mündlich ein Stück oder ein Prosastück improvisieren.
(über die Wirkung seiner Bücher)
Das Gegenüber ist zögernd geworden. Zögern ist eine Wirkung.
Wenn man nichts mehr gern hat, das ist entsetzlich. Zugeneigt sein, offen sein und teilnehmen.
Teilnehmen und teilhaben und dann wieder, wie Camus sagt, wo ist das Gleichgewicht zwischen "solitaire" (einsam) und "solidaire" (gemeinsam). Das ganze Geheimnis im Leben ist der Abstand, der Abstand und der Rhythmus, was man aus dem Abstand macht.

4 Kommentare:
Hmm, also mit dem Handke konnte ich ja nie so viel anfangen... insofern erschließt sich mir das meiste, was er sagt, auch nicht wirklich.
das ist gut, dass du das sagst. weil handke ist für mich einer der mir am nächsten, mir bekannten denker im schriftstellerischen bereich.
es ist schon fast unheimlich und gerade durch deine distanz merke ich ein wenig, wie unterschiedlich man so ein interview auffassen kann.
wie steht es mit kafka?
Von Kafka habe ich zumindest die Verwandlung gelesen. Dennoch habe ich keinen Bezug dazu.
Der einzige Schriftsteller, zu dem ich einen wirklichen Bezug habe, ist Henry David Thoreau. Ihm kann ich nachfühlen und nachdenken.
Interessanter Beitrag, danke!
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